Ergänzung zur Ausgabe Dez 2018/Jan 2019

Elly Heuss-Knapp – die erste First Lady der BRD

 

Sie war eine der bemerkenswertesten Frauen unserer jüngeren deutschen Geschichte. Selbstlos und bescheiden, aber sehr wach für die Nöte besonders der Mädchen und Frauen, packte sie jedes Problem an, wo es ihr auch begegnete. Und das waren viele, wie wir im Folgenden erfahren werden.

Geboren ist sie 1881 in Straßburg, wo sie – stark beeinflusst von dem charismatischen Redner, evangelischen Pfarrer und sozialliberalen Politiker Friedrich Naumann – Lehrerin wird. Bereits mit 18 Jahren gründet sie eine kleine Privatschule, in der sie mit Begeisterung unterrichtet. Diese Begabung: Unterrichten, Lehren – wird sie in ihrem Leben häufig und mit großem Erfolg einsetzen, um auf Missstände hinzuweisen, Wege daraus aufzuzeigen, für soziale Verbesserungen zu werben. Das wird ihr großes Thema, besonders im Leben von Mädchen und Frauen, die im beginnenden 20. Jahrhundert durchweg schlechte Bildungs-, Berufs- und Lebenschancen haben. Die schicksalhafte Begegnung mit der Berliner Frauenrechtlerin Alice Salomon veranlasst sie nach Berlin zu gehen, wo sie mit der sogenannten „Heimarbeit-Ausstellung“ konfrontiert wird. Hier werden erstmalig einer breiten Öffentlichkeit die menschenunwürdigen Bedingungen der Heimarbeiterinnen, die miserablen Löhne und die vertuschte Kinderarbeit vor Augen geführt. Es ist eine große und ungewohnte Arbeit, bei der sie viel lernt und für die sie engagiert mitarbeitet. Das berührende Plakat einer abgehärmten Frau, mit der für die Ausstellung geworben wurde, hat übrigens Käthe Kollwitz gestaltet. Diese Ausstellung fand ein unerwartet starkes öffentliches Interesse und mündete in das Heimarbeiterinnengesetz und zahlreicher Folgegesetze. Für Elly Knapp aber wird sie zum Sprungbrett ihrer Karriere als Vortragsrednerin.

Tief beeindruckt hat sie auf einer Versammlung des „Vereins für Armenpflege und Wohltätigkeit“ die Begegnung mit Friedrich von Bodelschwingh, der für die „Brüder der Landstraße“ Arbeiterkolonien mit dem Ziel der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt gegründet hat. 40 Jahre und zwei verlorene Weltkriege später wird sie im Schulfunk von diesem Heiligen der Nächstenliebe erzählen.

In Berlin lernt sie Theodor Heuss kennen, mit dem sie die große Verehrung und Freundschaft zu Friedrich Naumann verbindet. 1908 findet die Hochzeit in Straßburg statt und Albert Schweitzer hält die Trauung. Die Freundschaft zu ihm wird sie beide ihr künftiges Leben begleiten, und als er 1952 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, hält Theodor Heuss die Laudatio.

Die erste gemeinsame Wohnung wird in Berlin bezogen, sie unterrichtet und hält Vorträge und ein weiteres Betätigungsfeld tut sich für sie auf: Der Bedarf an Lehrbüchern für Frauen ist groß und sie beginnt an dem Lehrbuch Bürgerkunde und Volkswirtschaftslehre für Frauen zu arbeiten. Weitere Bücher werden folgen.

1910 ist das private Glück vollkommen, als ihr Sohn Ernst-Ludwig geboren wird. Aufgrund von Komplikationen bei der Geburt und einiger Fehlgeburten wird es bei diesem einen Kind  bleiben, das ihnen aber zeitlebens viel Freude macht.

1912 erhält Theodor Heuss den Ruf in seine Heimatstadt Heilbronn als Chefredakteur der Neckar-Zeitung, und auch für Elly ergeben sich nach anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten in der schwäbischen Provinz bald neue Aufgaben.

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, krempelt sie die Ärmel hoch und baut zusammen mit vielen Freiwilligen die erste Arbeitsbeschaffungsstelle für Frauen auf. Es geht ihr darum, den Frauen die Möglichkeit zu geben, zuhause, bei anständig bezahlter Heimarbeit im Auftrag des Heeres ihren Kriegsbeitrag zu leisten. Zig-tausend Wollsocken werden für die Soldaten im Feld gestrickt. Diese Heilbronner Arbeitsbeschaffung ist ein Erfolg ohnegleichen. Es kann sogar Geld zurückgelegt werden, um es nach Kriegsende einem wohltätigen Zweck zugutekommen zu lassen, z.B. für Erholungsurlaube für Frauen. Die Idee des Müttergenesungswerks findet hier ihren Ursprung.

In Berlin warten große politische Aufgaben auf Theodor Heuss, und es muss umgezogen werden. Hier wird nach der Novemberrevolution noch scharf geschossen, die Lebensmittelversorgung ist prekär, doch Elly eilt schon wieder von einer Versammlung zur nächsten, denn das Frauenwahlrecht soll endlich eingeführt werden. Zusammen mit den Frauenverbänden gelingt es ihr, dass am 19. Januar 1919 (!) mehr als 80 % der wahlberechtigten Frauen zur Wahl gehen.

Als Theodor Heuss bei der Wahl für den ersten Reichstag der Einzug nicht gelingt, muss Elly mit Unterrichten und Vorträgen die Familie „über Wasser halten“. Erst 1924, als Heuss sein lang ersehntes Reichstagsmandat erhält, lassen die finanziellen Sorgen nach.

Durch die Begegnung mit Otto Dibelius kommt sie mit der kirchlichen Gemeindearbeit in Kontakt und beteiligt sich in der kirchlichen Sozialarbeit.

In ganz Deutschland ist sie als Vortragsreisende gefragt und sie stellt ihren Zuhörern Persönlichkeiten wie Naumann, Bodelschwingh, Wichern und Albert Schweitzer vor.

Auch im Rundfunk ist sie nun regelmäßig zu hören und aufgrund der sozialen Not durch die Weltwirtschaftskrise nimmt sie sich vehement dieses Themas an.

Während der Nazizeit wird ihr jegliches öffentliches Reden und auch ihre Unterrichtstätigkeit verboten, und auch ihr Mann verliert seine sämtlichen Ämter, sodass auch die finanzielle Existenz bedroht ist. Doch für Elly tut sich schon im Juli 1933 eine völlig neue Möglichkeit auf: Sie wird Reklamefachfrau für die Rundfunkwerbung! Sie dichtet Hörszenen, musikalisch unterlegt mit einer leicht wiedererkennbaren Melodie (heute Jingle genannt), die mit dem Warennamen – wie z.B. Wybert, Nivea, Persil, Erdal - verbunden wird: Eine sensationelle Erfindung, die sie sich patentieren lässt. 1935 kommen Werbefilme für das Kino hinzu, während die Rundfunkwerbung der nationalsozialistischen Zensur zum Opfer fällt.

Ihre Gesundheit hat unter den Belastungen dieser Jahre sehr gelitten, sie erleidet schwere Herzanfälle, ihr Blutdruck ist viel zu hoch und die Herzschwäche macht ihr jedes Treppensteigen zur Qual. Sie muss kürzer treten, wenn sie ihre Gesundheit nicht völlig ruinieren will.

Theodor Heuss schreibt Auftragsbiographien über Justus Liebig und Robert Bosch, und sie kann ihn dabei unterstützen.

Sie verlassen das bombengefährdete Berlin und ziehen zu ihrer Schwester Marianne nach Heidelberg, wo sie bis Kriegsende leben werden.

Nach Beendigung des Krieges erfolgt der Umzug nach Stuttgart, denn Theodor Heuss wurde zum Kultusminister des Landes Württemberg-Baden benannt und es beginnt für beide die schwere Zeit des politischen Wiederaufbaus. Elly wird 1946 in den Stuttgarter Landtag gewählt und hat in der Sozialpolitik alle Hände voll zu tun mit der Reform des Schulwesens, mit Wohnungsbauprogrammen und mit dem Aufbau des Krankenkassenwesens.

In ganz Deutschland, vor allem in den Städten, gibt es viel zu wenig zu essen und vor allem die Kinder sind sehr gefährdet. Als ihr alter Freund Gustav Stolper zusammen mit dem ehemaligen US-Präsident Herbert Hoover Deutschland bereist und sie besucht, kommt Hilfe in Sicht, die Hoover anbietet: die sogen. Hoover-Schulspeisungen kommen dadurch zustande und Elly übernimmt selbst das Präsidium.

Am 14. August 1949 wählen die Deutschen ihren ersten Bundestag und Theodor Heuss wird Fraktionsvorsitzender der FDP. Als Bundespräsident schlägt Adenauer Theodor Heuss vor, der dann im September zum ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik gewählt wird. Damit verändert sich auch Ellys Leben und die Aufgaben als First Lady übernimmt sie mühelos, sie nützt die Würde dieses Amtes zur Förderung der sozialen Belange, die ihr immer und überall am Herzen liegen.

Auf einer Tagung des bayerischen Wohlfahrtsverbandes lernte sie im Juli Frau Dr. Antonie Nopitsch kennen (sie hat den Weltgebetstag aus den USA nach Deutschland gebracht), die im Auftrag der evangelischen Frauenverbände den bayerischen Mütterdienst leitet. Die Hilfe für Flüchtlinge und Vertriebene sowie die Schaffung von Erholungsmöglichkeiten für erschöpfte Mütter kommt nach Kriegsende hinzu, aber nun steht diese große und wichtige Arbeit vor dem finanziellen Ruin. Sie klagt Elly Heuss-Knapp ihr Leid, und diese tut, was sie so gut kann: Sie hört zu, verbringt eine schlaflose Nacht und hat auch schon einen Plan, den sie nach Bonn mitnimmt. Die Müttererholung muss zur Sache der ganzen jungen Bundesrepublik gemacht werden, die verschiedenen kirchlichen und sonstigen Träger müssen in einem einzigen Werk zusammengeführt werden.

Es bleibt gerademal ein halbes Jahr, um die neue Struktur aus dem Boden zu stampfen. Am 31. Januar 1950, pünktlich zu Theodors 66. Geburtstag, wird das Deutsche Müttergenesungswerk gegründet und Elly hält eine viel beachtete Rundfunkansprache.

Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich zusehends und sie schreibt in ihrem Vermächtnis im Mai 1952: Das Müttergenesungswerk ist für mich eine wirkliche Krönung meines Lebens … Ich bitte alle Mitglieder des Kuratoriums daran zu denken, dass eigentlich nicht ich das Werk gegründet habe, sondern Frau Nopitsch. Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich als Stifterin genannt werde.

 

Am 19. Juli 1952 stirbt Elly Heuss-Knapp in der Universitätsklinik auf dem Bonner Venusberg. Helmut Gollwitzer, Gefährte aus schweren Berliner Tagen, hält den Trauergottesdienst in der Bonner Lutherkirche, die Beisetzung findet am nächsten Tag auf dem Waldfriedhof in Stuttgart-Degerloch statt. Antonie Nopitsch schließt ihre Ansprache mit den bewegenden Worten: Sie hat als Christin geliebt, gedient und gebetet, und darum ist sie uns allen zum Segen geworden.

 

Theodor Heuss unterstützte das Werk seiner Frau und sämtliche First Ladys sind bis heute Schirmherrinnen des Müttergenesungswerks.

 

Heide Kohns